Zusammenfassung
„Seid ihr verrückt? Warum fliegt ihr nicht?“ – das war die Reaktion auf unseren Plan: Von Karlsruhe nach Menorca, nur mit Zug und Fähre. Unsere Antwort: Wir wollten reisen, nicht teleportieren. Wir wollten Entschleunigung und ein echtes Abenteuer für unsere zwei Jungs.
Die 24-stündige Reise startete im TGV nach Paris. Der Bahnhofswechsel war unser erster Härtetest als Team – laut, stressig, aber gemeinsam gemeistert. Weiter ging es mit Highspeed durch Frankreichs wechselnde Landschaften bis ins pulsierende Barcelona. Statt strenger Bettzeiten gab es für die Kinder Tapas um 22 Uhr und dann das große Highlight: Die Nacht auf der Fähre.
„Seid ihr verrückt? Warum fliegt ihr nicht einfach?“
Das war die Standardfrage, als wir unseren Sommerurlaub ankündigten. Karlsruhe nach Menorca. Ohne Flugzeug. Mit zwei Jungs im besten „Ich-habe-Energie-für-zehn“-Alter. Die einfache Antwort wäre gewesen: „Klimaschutz“. Aber das war nur die halbe Wahrheit. Die echte Antwort, die tiefer liegt und die wir als Familie leben wollen, lautet: Entschleunigung. Wir wollten nicht teleportieren. Wir wollten reisen. Wir wollten spüren, wie sich die Landschaft verändert, wie die Sprache wechselt und wie wir uns als Familie auf engstem Raum neu sortieren, bevor wir überhaupt am Strand liegen. War es anstrengend? Ja. Würden wir es wieder tun? Lest selbst. Hier ist das Protokoll unserer Reise ins Blaue.
Etappe 1: Der Startschuss in Karlsruhe (06:30 Uhr)
Der Wecker klingelt zu einer Zeit, die im Urlaub eigentlich verboten sein sollte. Aber die Stimmung ist anders als an Schultagen. Kein „Ich will nicht aufstehen“-Genöle. Die Jungs sind elektrisiert. Der TGV wartet. Wir stehen am Gleis in Karlsruhe. Koffer, Rucksäcke, eine Tüte mit gefühlt 4 Kilo Brezeln und genug Snacks, um eine Kleinstadt zu versorgen. Als der TGV einrollt, beginnt für die Kinder das erste Abenteuer. Ein Doppelstock-Zug! „Können wir oben sitzen?“ – Natürlich sitzen wir oben. Die Fahrt nach Paris ist unser „Warm-up“. Die Landschaft zieht vorbei, der Rhein verschwindet, das Elsass fliegt vorbei. Wir nutzen die Zeit für das erste Kartenspiel. Uno. Der Klassiker. Es dauert genau 45 Minuten, bis der erste Streit ausbricht, wer die „+4“-Karte gelegt hat. Macher-Moment #1: Statt die iPads sofort rauszuholen, lassen wir die Langeweile kurz zu. Wir schauen raus. „Guck mal, die Häuser sehen jetzt anders aus.“ Wir reden über Frankreich. Wir sind präsent. Es ist verlockend, die digitale Ruhe zu erkaufen, aber wir haben uns vorgenommen: Diese Reise ist Quality Time, auch wenn es anstrengend ist.
Etappe 2: Der Dschungel von Paris (10:00 Uhr)
Ankunft Gare de l’Est. Wer schon mal in Paris den Bahnhof gewechselt hat – mit Gepäck und Kindern – weiß: Das ist der Endgegner. Wir müssen zum Gare de Lyon. Wir entscheiden uns gegen das Taxi und für die Metro. Fehler? Vielleicht. Abenteuer? Definitiv. Die Pariser Metro ist laut, voll und riecht nach einer Mischung aus Croissant und Abgasen. Die Jungs klammern sich an unsere Hände. Wir müssen Treppen steigen, Koffer schleppen. Es ist heiß. „Papa, wie lange noch?“ „Wir sind gleich da. Wir sind ein Team, Jungs. Jeder packt mit an.“ Der Große nimmt den Rucksack vom Kleinen. Der Kleine schiebt tapfer seinen eigenen kleinen Trolley, obwohl die Rollen auf dem Pariser Pflaster klappern wie ein Maschinengewehr. Wir schwitzen. Aber wir lachen auch, als wir endlich in den großen Hallen des Gare de Lyon stehen. Wir haben es geschafft. High Five. Ein schnelles Sandwich (Baguette, natürlich), und weiter geht’s.
Etappe 3: Highspeed in den Süden (14:00 Uhr)
Der TGV INOUI nach Barcelona ist voll, aber komfortabel. Jetzt beginnt die lange Strecke. Über 6 Stunden Fahrt. Hier zeigt sich, ob unsere Vorbereitung stimmt. Wir haben Hörspiele geladen, Malbücher dabei und – ganz wichtig – kleine Überraschungen eingepackt, die stündlich ausgepackt werden dürfen, wenn die Stimmung kippt. Draußen verändert sich die Welt. Die grünen Felder Frankreichs werden trockener, die Erde röter. Wir sehen die ersten Zypressen. „Schau mal, da sind Flamingos!“ ruft einer der Jungs, als wir an den Étangs (Salzseen) im Süden Frankreichs vorbeirauschen. Das hätten wir im Flugzeug über den Wolken verpasst. Es ist nicht alles romantisch. Nach drei Stunden fällt dem Kleinen ein Becher Apfelschorle um. Klebriger Boden, nasse Hose. Kurz Stress. Durchatmen. Feuchttücher sind die wahren Helden jeder Elternreise. Wir wischen auf, ziehen um, machen weiter. Es bringt nichts, sich aufzuregen. Wir sind unterwegs. Das gehört dazu. Als wir die Pyrenäen sehen, spüren wir alle: Wir sind weit weg von Zuhause.
Etappe 4: Barcelona – Tapas & Transit (21:00 Uhr)
Ankunft in Barcelona Sants. Die Luft, die uns beim Aussteigen entgegenschlägt, ist warm und feucht. Es riecht nach Meer und Großstadt. Wir sind müde, aber glücklich. Wir haben drei Stunden Zeit bis zur Fähre. Genug Zeit, um nicht am Bahnhof zu versauern. Wir fahren mit dem Taxi zum Hafen, geben das Gepäck frühzeitig auf (Gott sei Dank!) und suchen uns eine kleine Tapas-Bar in Barceloneta. Es ist fast 22 Uhr. In Deutschland würden die Kinder längst schlafen. Hier sitzen sie mit Patatas Bravas und Calamares am Tisch, die Augen klein vor Müdigkeit, aber groß vor Staunen. Das Leben pulsiert auf der Straße. „Dürfen wir heute so lange aufbleiben wie wir wollen?“ fragt der Große. „Heute gibt es keine Regeln für die Bettzeit“, sagen wir. Urlaubsmodus: An.
Etappe 5: Die schwimmende Festung (23:30 Uhr)
Das Boarding auf die Fähre (wir haben uns für die Nachtfähre entschieden) ist das absolute Highlight für die Jungs. Das Schiff wirkt riesig, wie ein Hochhaus auf dem Wasser. LKWs fahren in den Bauch des Schiffes, es ist laut, es ist imposant. Wir beziehen unsere Kabine. Vier Betten, eng, funktional, aber mit einem Bullauge. „Wir schlafen auf dem Meer!“ Die Aufregung hält sie noch wach, bis das Schiff ablegt. Wir gehen an Deck. Wir sehen, wie die Lichter von Barcelona langsam kleiner werden. Der Wind bläst uns die Haare ins Gesicht. Es ist ein magischer Moment. Kein Tablet, kein Spielzeug kann diesen Blick ersetzen. Wir stehen da, Arm in Arm, und schauen in die Dunkelheit. Dann fallen wir in die Koje. Das sanfte Brummen des Schiffsdiesels und das leichte Schaukeln wiegen uns in den Schlaf. Es ist, als würde man in einer Wiege liegen.
Etappe 6: Land in Sicht – Menorca (06:30 Uhr)
Sonnenaufgang. Ich wache vor den Kindern auf und schleiche mich an Deck. Die Sonne bricht gerade durch den Horizont, das Meer ist spiegelglatt. Und da vorne liegt sie: Menorca. Wir laufen in den Hafen von Ciutadella ein (oder Mahón, je nach Fähre). Es ist still. Die Insel schläft noch. Die Einfahrt in den Hafen ist spektakulär eng, links und rechts Felsen. Ich hole die Jungs. Verschlafen, mit zerzausten Haaren, stehen sie an der Reling. „Sind wir da?“ „Ja, wir sind da.“ Das Gefühl, als wir mit dem Auto (bzw. zu Fuß und dann Mietwagen) von der Fähre rollen, ist unbeschreiblich. Wir sind nicht einfach „angekommen“. Wir haben uns den Weg hierher erarbeitet. Wir haben die Distanz gespürt. Wir sind über 1.200 Kilometer gereist, am Boden und zu Wasser.
Das Fazit: Warum wir es wieder tun würden
Als wir eine Stunde später beim ersten Cortado in einem kleinen Café sitzen, während die Jungs Steine ins Hafenbecken werfen, spüren wir eine tiefe Zufriedenheit.
Ja, Fliegen geht schneller. In 2 Stunden von Baden-Baden nach Mahón. Zack, fertig. Aber diese 24 Stunden Reisezeit waren keine verlorene Zeit. Es war gewonnene Zeit.
Wir haben stundenlang Uno gespielt.
Wir haben gemeinsam Probleme gelöst (Metro Paris!).
Wir haben den Übergang von Mitteleuropa ins Mittelmeer bewusst erlebt.
Für alle Familien da draußen, die zögern: Traut euch. Es ist kein „Transport“, es ist der erste Teil des Urlaubs. Es erfordert etwas mehr Planung und vielleicht etwas mehr Nerven beim Umsteigen. Aber das, was ihr als Familie an „Wir-Gefühl“ mitnehmt, kann euch kein Flugticket der Welt geben.
Wir sind auf Menorca. Aber eigentlich fing der Urlaub schon gestern Morgen am Gleis 3 in Karlsruhe an.
Packt eure Koffer. Seid Macher eurer eigenen Erinnerungen. Gute Reise!

